Auszüge aus der Einleitung: In diesem Buch soll der Frage nachgegangen werden, in welcher Weise Mediationsverfahren geeignet sind, in einer schwierigen Entscheidungssituation kreative Problemlösungen hervorzubringen. Beleuchtet werden psychische und soziale Mechanismen, die dies behindern oder fördern.

Zur Einschätzung der Fähigkeit von mediierten Gruppen, innovative Problemlösungen zu finden. scheint es sinnvoll, einen Blick in Forschungsfelder der kognitiven Psychologie und der Sozialpsychologie zu werfen und aus der einschlägigen Grundlagenforschung Nutzen zu ziehen.

Die einschlägige Mediationsliteratur behandelt den Mediationsprozeß vorwiegend als ein Geschehen, in dem die Beteiligten füreinander Verständnis entwickeln, oder als eine Situation, in der sie zur Befriedigung ihrer jeweiliger., Interessen Entscheidungsprozesse optimieren. Dies mag für einfach strukturierte Problemlagen (z.B. wie das Vermögen eines Paares aufgeteilt wird, das sich scheiden lassen will) angemessen sein.

Eine solche Sichtweise wird jedoch komplexeren Gestaltungsaufgaben (z.B. Verkehrsplanung in einer Kommune', nicht gerecht. Konflikte und Widerstände bei gesellschaftlichen Planungen haben ihre Wurzeln nicht nur in unterschiedlichen Interessen, sondern sind gleichzeitig Ausdruck der Schwierigkeiten, Problemlagen gedanklich (kognitiv,1 umfassend zu durchdringen und Handlungsfolgen abzuschätzen.

Hierbei geht es auch darum, die Vielfalt der Aspekte, die in eine Problemlage hineinspielen, angemessen zu verstehen und so zu ordnen, daß sich vorher nicht gesehene Probleme eröffnen. Wie werden solche kreativen Problemlösungen möglich? Was kann die Arbeit in einer Mediationsgruppe dazu beitragen?

Was behindert eine neue Sicht der Problemlage und die Entwicklung von Lösungen, die mehr als ein Kompromiß zwischen bestehenden Positionen sind, nämlich ein echter Konsens, der auf neuen Einsichten aller Beteiligten beruht? Im Zentrum der folgenden Ausführungen stehen die psychischen und sozialen Dynamiken (Konfliktwahrnehmungen, Widerstände, Konsistenzbedürfnisse, Denkblockaden, Risikobeurteilungen, Gruppenprozesse), die die Lernchancen, die Mediation bietet, mit bestimmen.

Daran anknüpfend werden Hinweise auf Möglichkeiten des Verfahrens und der Kommunikationsgestaltung gegeben. Zunächst aber soll aus der Perspektive des sozialwissenschaftlichen Außenbetrachters über die in der einschlägigen Debatte diskutierten Mediationsauffassungen sowie über die Verfahrensrealität berichtet werden.


Hans-Joachim Fietkau
Psychologie der Mediation

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